
Giacomettis Skulptur in Dänemark erhält nach 60 Jahren erstmals Besuch aus Stampa
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Im Handelsstädchen Holstebro im Westen Dänemarks steht seit dem Todesjahr Alberto Giacomettis 1966 eine seiner Frauenfiguren auf einem öffentlichen Platz, für jedermann zugänglich. Das allein ist schon einmalig. Überraschend ist auch die Art, wie Maren - so wird in Holstebro Giacomettis Werk genannt - vor Diebstahl geschützt wird! Statt sie im örtlichen Museum aufzustellen hat sich der Stadtrat für eine ungewöhnliche Lösung eigesetzt: die Skulptur steht seit einigen Jahren auf einem eigens für sie gebauten Aufzug, der sie abends um 21:00 Uhr zum Schlafen unter dem Boden befördert, um sie morgens um 10:00 erneut an ihrem Stammplatz hochzuheben. Und schliesslich die Verbundenheit mit der lokalen Bevölkerung: ein Freundeskreis - die Vereinigung Maren Venne-Laug - liess Musik und Lieder für Maren komponieren, stellt uniformierte Stadtwächter an, die sie täglich mit einem Lied zum Schlafen bringt und organisiert Anlässe mit Musikern und Tänzerinnen.
Am 5. August 2026 organisierte Bent Tilsted und die von ihm präsidierten Maren Venne-Laug nun einen Empfang für die aus dem Bergell angereiste Giacometti-Familie beim Bürgermeister der Stadt und ein ganztägiges Kulturprogramm. Neben den Ansprachen erhielt Maren einen Blumenkranz auf dem Kopf gelegt; die zahlreich erschienenen Menschen erlebten Musik und Tanz, vorgeführt durch Schülerinnen und Schüler der dänischen Tanzschule.
Der Bürgermeister von Holstebro, Kenneth Tønning, erklärte, Maren sei zur Identifikationsfigur der Stadt schlechthin geworden, in einem Landkreis, in dem grüne Energie stark gewachsen sei und dezentrale Arbeitsplätze und Wohnsiedlungen gefördert werden. Marco Giacometti sagte in seiner Ansprache, Giacometti hätte sich bestimmt darüber gefreut, dass so viele Menschen in diesem einzelnen Kunstwerk Leben entdeckt haben – so wie er es selbst in seinen Modellen gesehen hat. «Keine noch so bedeutende Kunstausstellung könnte dies eindrucksvoller vermitteln als das, was Sie hier in Holstebro geschaffen haben», so Marco Giacometti.
Den Gästen aus Stampa wurden auf einem Stadtrundgang die kulturellen Höhepunkte der Stadt vorgestellt: Seit gut 60 Jahren bereicherten die Stadtbehörden Bauten und Plätze mit Skulpturen und Installationen, da sie der Meinung sind, Kultur gehöre zum Wohlbefinden der Bevölkerung einfach dazu. Die Sammlungsdirektorin des Kunsthauses von Holstebro, Teresa Østergaard Pedersen, erläuterte die Entstehung der Kunstsammlung und führte einige der Lithografien von Paris sans fin vor.
Der Kleinste der aus Stampa angereisten Gruppe, Giovanni Giacometti, durfte die neue Kulturinitiative von Holstebro einweihen: ein Veranstaltungsort für Kinder im ältesten und gleichzeitig kleinsten Häuschen der Stadt – einem alten Zollhäuschen -, in welchem zwei italienischen Schauspieler ab dem bald beginnenden Schuljahr ein spannendes Programm lancieren werden.
Nach einem abendlichen öffentlichen Konzert mit der international bekannten Flötistin Jenne Thomsen und dem Gitarristen Johan Thor erhielt Marco Giacometti -als erster überhaupt - die Ehrenmitgliedschaft bei Marens Venne-Laug.
Dies verpflichtet! Holstebro und Stampa werden sich dafür einsetzen, in Zukunft einen Austausch zu pflegen und gegenseitige Besuche aufzugleisen. Das Centro Giacometti möchte versuchen, eine Kulturreise nach Holstebro und zum Lousiana-Museum zu organisieren. Und vielleicht kommt bald eine Delegation der Marens Venne-Laug zu Besuch ins Bergell. Wir würden uns darüber freuen.
Marco Giacometti
Grusswort von Marco Giacometti, Holstebro, 5. August 2026
Sehr geehrter Bürgermeister Kenneth Tønning,
sehr geehrte Mitglieder des Stadtrats,
lieber Bent Tilsted, liebe Mitglieder der Marens Vennelaug,
liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Holstebro,
meine Damen und Herren,
meine Frau, mein Sohn und ich sind tief bewegt. Wir sind aus dem Heimatdorf Alberto Giacomettis angereist, um Ihnen unsere Anerkennung zu zollen. Stampa ist ein kleines Dorf im Schweizer Bergell, wo Italienisch gesprochen wird. Alberto Giacomettis Grosseltern, Alberto und Caterina Ottilia Giacometti, sind meine Vorfahren.
Seit 1966, dem Jahr, in dem Alberto Giacometti starb, steht Maren, eine seiner Skulpturen, hier in Holstebro auf einem öffentlichen Platz und ist zu einer dauerhaften Präsenz geworden. Nirgendwo sonst auf der Welt ist dies der Fall.
Und Sie haben sich um sie gekümmert.
• Sie haben sie ernährt, damit sie am Leben bleibt.
• Sie haben ihr einen Aufzug gebaut, damit sie sich nachts sicher fühlt.
• Sie haben Musik für sie komponiert, damit sie sich freuen kann.
• Und Sie haben Freundeskreise um sie gebildet, damit sie von guten Menschen umgeben ist und sich niemals allein fühlt.
In diesem Jahr ist Maren auch im Centro Giacometti in Stampa zu Gast – wenn auch nur in Form einer Fotografie. Laurie Bischoff von der Universität Genf ist es jedoch mit ihrer dokumentarischen Ausstellung gelungen, Ihre bemerkenswerte Geschichte auf eindrucksvolle Weise zu vermitteln.
Nun zur Entstehung von „Maren“:
Von Januar 1942 bis September 1945 lebte Alberto Giacometti in der Schweiz und teilte seine Zeit zwischen Genf und dem Bergell. An beiden Orten kümmerte sich seine Mutter um seinen Enkel Silvio, dessen Mutter Ottilia 1937 unerwartet gestorben war – nur einen Tag nach seiner Geburt.
In den folgenden Jahren durchlief Giacomettis Werk eine tiefgreifende Veränderung. Während seiner Arbeit zunächst in Paris und später in Genf reduzierte er seine Gipsfiguren auf eine beinahe miniaturhafte Grösse und schabte Material ab, bis sie den Eindruck erweckten, kurz vor dem Verschwinden zu stehen.
In dieser Zeit der künstlerischen Krise und Suche gelang es ihm um 1943 in seinem Atelier in Capolago bei Maloja, seine erste grössere stehende weibliche Figur zu schaffen.
Alberto Giacometti schuf damit in seinem Heimattal Frau auf dem Wagen aus Gips.
Der Fotograf Ernst Scheidegger nahm im Atelier von Capolago eine Fotografie der Skulptur auf. Alberto malte ausserdem direkt auf eine der hölzernen Wände des Ateliers ein Bild der Figur in Öl.
Es ist mir eine Freude, Ihnen ein Exemplar eines Buches zu überreichen, in dem diese Fotografie auf Seite 24 abgebildet ist.
1965 wurde ein Bronzeabguss der Skulptur im Louisiana Museum unter dem Titel Kærre ausgestellt. Alberto und Annette Giacometti besuchten die Ausstellung. Im folgenden Jahr gelangte die Skulptur – die bald unter dem Namen Maren bekannt werden sollte – über die Galerie Maeght nach Holstebro.
In einem Fernsehinterview aus dem Jahr 1963 sagte Alberto Giacometti: „Ob man Skulpturen macht, malt, schreibt oder einer ähnlichen Tätigkeit nachgeht – es geht immer darum, für das Vergängliche eine gewisse Dauerhaftigkeit zu schaffen, nicht wahr?“
Durch Ihre Vision und Ihr Engagement haben Sie hier in Holstebro der Frau in Albertos Skulptur neues Leben geschenkt. Sie steht auf einem Kinderspielzeug, das einst Ottilias Sohn Silvio gehörte, und sie steht stellvertretend für all jene Menschen, die wir zutiefst geliebt haben, die aber nicht mehr unter uns sind.
Ich bin überzeugt, dass Alberto Giacometti grosse Freude an Ihrer Maren gehabt hätte. Er hätte sich darüber gefreut, dass so viele Menschen in diesem einzelnen Kunstwerk Leben entdeckt haben – so wie er selbst es gesehen hat. Keine noch so bedeutende Kunstausstellung könnte dies eindrucksvoller vermitteln als das, was Sie hier in Holstebro geschaffen haben.
Bitte kümmern Sie sich auch weiterhin so um Maren wie bisher – und lassen Sie sie niemals gehen.
Vielen Dank für Ihren wunderbaren Empfang.
Marco Giacometti